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Gefühlswelt

Ein paar Eindrücke vom Loslassen unseres Besitzes
Ben | 10.09.2017

Ein paar Eindrücke vom Loslassen unseres Besitzes

Wir gehen also für 2 Jahre auf Weltreise – und was machen wir mit Auto, Wohnung und all unseren Sachen?
In diesem Artikel beschreiben wir, wie sich unsere Einstellungen zu materiellen Dingen gewandelt hat.

Wir haben doch alles – oder?

Vor der Entscheidung, eine Weltreise zu machen, hatten wir gut bezahlte Jobs, zwei Autos und eine große Wohnung mit viel Platz für viele materielle Dinge, die das Leben schöner machen sollten. Wir konnten ohne groß nachzudenken alle möglichen Dinge kaufen, die uns kurzzeitig das Gefühl gaben, glücklich zu sein. Aber trotzdem waren wir einfach nicht so wirklich glücklich und zufrieden. Wie konnte das sein?

Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach:

Glück ist für jeden Menschen etwas anderes – hat aber in den seltensten Fällen etwas mit Besitz zu tun!

Als wir unsere Entscheidung für die Weltreise getroffen hatten, war für uns klar, dass wir vor allem auf Reisen glücklich sind. Gleichzeitig (und in diesem Moment völlig unbewusst), entschieden wir uns gegen unsere aktuelle Lebensweise und übermäßig viel Besitz.

Überflüssige Ausgaben und Minimalismus

Um ehrlich zu sein, dachten wir anfangs gar nicht so sehr darüber nach, was wir während der Reise mit all unseren Sachen machen sollten. Es ging uns nie darum, möglichst minimalistisch zu leben. Unser Hauptaugenmerk lag darauf, so viel Geld wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich zu sparen!

Also hieß es ab sofort: Keine unnötigen Ausgaben mehr! Aber welche Ausgaben waren denn tatsächlich unnötig? Wir brauchten doch all die Sachen, die wir schon beinahe täglich bei Amazon bestellten. Oder etwa nicht?

Keine Wohnung – kein Platz

Ziemlich schnell wurde uns klar, dass wir unsere Wohnung für die Reise kündigen würden. Auch die Anmietung eines Lagerraums im Rhein-Main-Gebiet wäre einfach viel zu teuer für 2 Jahre. Wir würden also all unseren Besitz bei Freunden und Familie unterstellen müssen. Das bedeutete im Umkehrschluss, dass wir so viel wie möglich von unserem Besitz würden reduzieren müssen. Ein weiterer Schritt in Richtung Minimalismus, der sich gar nicht vermeiden ließ.

Können wir das unterwegs gebrauchen?

Vor jeder neuen Anschaffung fragten wir uns also, ob diese tatsächlich sinnvoll war. Könnten wir das mitnehmen oder ist es für den Rucksack viel zu unpraktisch? Und wenn wir es unterwegs nicht wirklich brauchen – brauchen wir es dann davor oder danach überhaupt?

So reduzierte sich nach und nach nicht nur unser Bestellpensum bei Amazon erheblich (mal von der tatsächlich benötigten Ausrüstung für die Reise abgesehen 😁), auch unsere Einstellung zu materiellem Besitz wandelte sich immer mehr. Jede neue Anschaffung wurde sehr kritisch überdacht.

Leben im Überfluss

Viel von dem Zeug, das sich über die Jahre in einem Haushalt ansammelt, ist überflüssig. Schau z.B. mal in deinen Küchenschrank, wie viele Gläser und Tassen du hast. Bei uns lief es immer so: Die Gläser, die ganze vorn im Schrank stehen, werden benutzt, gespült und wieder vorn in den Schrank gestellt. Kommt dir das bekannt vor?

Genau so ist es mit vielen anderen Dingen im Haushalt auch. Man hat viel zu viel von allem und braucht es eigentlich gar nicht.

Wohin mit all den Sachen?

Der nächste Schritt war also: Reduzieren auf das Wesentliche. Was brauchen wir unterwegs? Was brauchen wir vorher noch ? Was brauchen wir, wenn wir zurückkommen?

Unsere Autos

Wir hatten schon seit Jahren zwei Autos – eines gehörte uns und das andere war ein Leasing-Wagen, den Lisa günstig über die Arbeit leasen konnte. Den Leasing-Vertrag ließen wir also so auslaufen, dass wir den Wagen Anfang 2017 abgaben und dann keinen neuen mehr leasten. Da wir beide keinen besonders weiten Weg zur Arbeit hatten, war das ziemlich unproblematisch. Kollegen von mir fuhren täglich an unserem Wohnort vorbei, so dass es nie ein Problem war, dass mich jemand mit zur Arbeit bzw. nach Hause nehmen konnte. So konnte Lisa weiterhin das Auto nehmen, um zur Arbeit zu fahren, und wir hatten die Kosten für den Leasing-Wagen gespart.

Das zweite Auto behielten wir noch bis kurz vor unserer Abreise. Zu unserem Glück haben sich Lisas Mutter und ihr Partner bereit erklärt, den Verkauf zu übernehmen. So mussten wir uns nicht darum kümmern und waren bis zuletzt noch mobil. Natürlich hatten wir überlegt, den Wagen zu behalten. Aber er ist inzwischen 12 Jahre alt und wird sicher nicht besser, wenn er zwei Jahre nicht bewegt wird. Zwar kann es sein, dass wir nach unserer Rückkehr wieder ein Auto brauchen, aber wir möchten versuchen, komplett darauf zu verzichten.

Unsere Möbel

Wir besaßen keine wirklich teuren Möbel. Der Großteil war von IKEA, die Küche gehörte zur Wohnung. Somit blieben eigentlich nur noch unser geliebter Esstisch und das Sofa. Beides hatten wir uns erst nach unserem Umzug von Mainz nach Hochheim gekauft.

Den Großteil der Möbel konnten wir – genau wie die meisten unserer sonstigen Sachen – über eBay-Kleinanzeigen verkaufen. Obwohl wir dort einige sehr „interessante“ Erfahrungen gemacht haben, können wir diese Plattform auf jeden Fall empfehlen! Man bezahlt keine Gebühr für seine Anzeigen, muss sich aber eben auch um alles selbst kümmern und hat keine Garantie, dass ein Käufer letztendlich auch bezahlt oder gar zu einem ausgemachten Termin erscheint… 

Unseren Esstisch haben wir zuerst verkauft. Als wir guten Freunden beim Abendessen bei uns von unseren Weltreise-Plänen erzählt hatten, kam sehr schnell die Frage auf, was denn mit unserem Tisch passieren würde. Der größte Vorteil daran: Wir konnten problemlos einen Termin möglichst kurz vor Auszug ausmachen und so den Tisch noch sehr lange behalten. Ähnlich lief es zum Glück auch mit unserem Sofa.

Das Timing ist beim Verkaufen eigentlich am schwierigsten. Bei eBay-Kleinanzeigen gibt es keinen festen Termin, zu dem ein Artikel verkauft wird. Manchmal geht es ganz schnell – manchmal klappt es gar nicht. Und gerade bei großen Möbeln – wie unseren Kleiderschränken – ist es dann sehr schwer, das mit einem Käufer so auszumachen, dass man nicht schon die letzten Wochen ohne Möbel in seiner immer leerer werdenden Wohnung sitzt.

Und der Rest?

Alles, was wir nicht aufgehoben, verkauft oder verschenkt haben, kam auf den Müll – und zwar rigoros! Du glaubst gar nicht, wie viel Kleinkram sich über die Jahre ansammelt! Zum Glück hatten wir einige Zeit zur Vorbereitung und fingen früh an, immer wieder auszumisten und alles wegzuwerfen, was wir nicht behalten oder verkaufen konnten. Trotzdem fuhr ich in den letzten Wochen vor Ende unseres Mietvertrages mehrere Male zur Deponie, um ganze Wagenladungen an Müll zu entsorgen.

Loslassen bedeutet Gefühlschaos

Wir wurden oft gefragt, wie es sich anfühlt, all unser Hab und Gut loszuwerden. Und um ehrlich zu sein: Es ist das reinste Gefühlschaos!

Einerseits freut man sich über jedes Teil, das weggeht. Denn es bedeutet einen weiteren Schritt in Richtung des großen Traums und das Abwerfen von unnötigem Ballast. Lisa hatte z.B. durch unsere Mitgliedschaft im ADAC monatlich das Mitgliedermagazin bekommen. Sie hat es nie gelesen, aber immer aufgehoben. Immerhin hat sie in der Automobilbranche gearbeitet und sich eingeredet, sie müsse diese Magazine doch eigentlich lesen. Ebenso erging es ihr mit dem Manager Magazin. Sie hatte ihren Master in Management gemacht, also musste diese Zeitschrift sie doch interessieren. Also wurden alle aufgehoben. Über die Jahre baute sich dadurch ein psychischer Druck in ihr auf, der an ihrem Unterbewusstsein nagte. Nun hatte sie ihren Job gekündigt und wir warfen all die Magazine auf den Müll – das war ein richtiger Befreiungsschlag für sie.

Andererseits tut es manchmal auch weh, Dinge wegzugeben, an denen viele Erinnerungen hängen. Es mag seltsam klingen, aber besonders unseren Esstisch herzugeben war sehr schwer für uns. Hier hatten wir so viele Stunden mit all unseren Lieben verbracht. An diesem Tisch wurde nicht nur gegessen – es wurde gelacht, geweint, gefeiert und auch getrauert. Aber am Ende machten wir uns bewusst, dass diese Erinnerungen in unseren Köpfen und nicht im Eichenholz eines Tisches abgelegt sind.

(Und außerdem können wir unseren Tisch ja jetzt jederzeit bei unseren Freunden besuchen… 😁).

Was wir gelernt haben

Auch jetzt würde ich uns noch nicht als Minimalisten bezeichnen. Nur weil man wenig besitzt, bedeutet das nicht automatisch, dass man auch ein Minimalist ist. Aber wir haben auf jeden Fall gelernt, was WIRKLICH einen Wert für uns hat – und nur das haben wir auch aufgehoben (neben einer Grundausstattung an Klamotten, Bettwäsche und Küchenutensilien): Erinnerungsstücke an geliebte Menschen, Hochzeitsgeschenke, Fotoalben…

Aber die wirklich wichtigen Dinge, sind eben nicht die materiellen. Es sind all die Erinnerungen an die wirklich wichtigen Momente in unserem Leben. 
Und die kann man überall hin mitnehmen!

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